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Da nirgends eine Ortsmitte zu finden war, da überhaupt keine Orte zu erkennen waren und kein einziger Hügel die Monotonie der flachen Landschaft brach, war es beinahe unmöglich, sich ohne GPS zu orientieren. Wer seine Uhr einmal vergessen hatte, verlor im immergleichen tropischen Licht schnell das Zeitgefühl. Man konnte nur versuchen, sich die Kreuzungen zu merken, an denen die immer gleichen  Supermärkte, der Großmarkt Sam´s Club, die Drogeriekette Walgreens und eine Shell-Tankstelle die vier Ecken besetzten. In Brandon, einer gigantischen Boomburg mit hunderttausend Seelen, die zu keiner Stadt gehörte, war das “Town Center“ die größte Shopping Mall des Bezirks. Der West Brandon Boulevard, die Hauptstraße der Siedlung, war ein Teil des Highway 60. Wer eine Weile von Kreuzung zu Kreuzung, von Ampel zu Ampel rollte, sah bald nur noch einen einzigen, verschwommenen Streifen von Geschäften, Leuchtreklamen und Fastfood-Restaurants: Einstein Bros Bagels Florida Car Wash State Farm Dairy Queen Express Lube Jesse´s Steaks McDonald´s Five Star Paint Ball Aquarium Center Sunshine State Federal Credit Union Mister Car Wash Weavers Tire&Automotive Wendy´s.

Aber die Region war nicht wie Miami oder Palm Beach, das Winter für Winter von koksenden New Yorkern heimgesucht wurde. Die Karawane, die über die Interstate 75 in den Süden zog, bestand aus einfachen Leuten aus dem Mittleren Westen, aus Ohio und Michigan, wo Sparsamkeit und Besonnenheit noch als Tugenden galten.
Hillsborough und die angrenzenden Bezirke wurden protestantisch und erzkonservativ, an den Highways warnten Schilder vor Abtreibung, zwischen Werbetafeln für neue Siedlungen und Fettabsaugung standen apokalyptische Prophezeiungen. Doch die alten Wertvorstellungen konnten dem blassgrellen Licht, das wie ein ewiger High Noon auf die Erde niederbrannte, kaum standhalten.


George Packer, Die Abwicklung, FaM, 2014, Seite 224
 


 

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