Hans Sedlmayer, Die Entstehung der Kathedrale, 1950, S.54

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Die selbstleuchtenden Wände


Denn das Licht, das die Kathedrale erhellt, scheint überhaupt nicht von außen zu kommen. Wenn man den Eindruck ganz unbefangen beschreibt, muß man sagen: das Licht geht von den Wänden selbst aus, die Wände leuchten.
Der Eindruck rührt davon her, daß die Glasscheiben zwar lichtdurchlässig, aber durch ihre starke Färbung undurchsichtig sind. Der Eindruck ist zwingend bei diffusem Außenlicht und besonders bei Dämmerung. Dann kann nicht einmal das Wissen darum, daß das Licht von außen kommt, das Erlebnis der geheinmnisvoll selbstleuchtenden Wände ändern. Es hat dann auch gar keinen Sinn mehr, von Fenstern zu sprechen. Aber auch ein Sonnen - oder Mondstrahl, der durch dieses farbige Medium geht, scheint nicht von außen zu kommen, sondern von einem aufglühenden Teil der Wand ausgesendet zu werden, wie von einer selbstleuchtenden, strahlenden Materie. Dabei ändert sich bei verschiedenem Außenlicht die Leuchtfähigkeit der Wand: sie verdunkelt sich und glänzt wieder auf, wenn eine Wolke draußen vorüber zieht oder die Tageszeit sich ändert.


 

 Hans Jantzen, Über  den gotischen Kirchenraum und andere Aufsätze, 1951

Über den gotischen Kirchenraum,
S.10
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Die Analyse der Raumgrenze, die ich im folgenden vorlege, bezieht sich auf eine Erscheinung, die ich mit dem Begriff „diaphane Struktur“ bezeichne. Was darunter zu verstehen ist, sei zunächst im Allgemeinen angegeben. Die diaphane Struktur ist nicht gleichbedeutend mit „Durchbrechung“ oder „Auflösung“ der Hochschiffwand im üblichen Sinne. Auch die Romanik kennt eine sehr weitgehende Durchbrechung der Raumgrenze des Mittelschiffs. Aber diese hat grundsätzlich anderen Charakter als die diaphane Struktur der gotischen Raumgrenze. In der Romanik bleibt immer entscheidend die Auffassung der Wand als einer zusammenhängenden, in der Breite sich entfaltenden Mauermasse. Auch bei größtmöglicher Durchbrechung, etwa bei breiten Arkadenöffnungen, übernimmt zunächst schon der Rundbogen die Funktion der Betonung der Mauer-oder Wandkontinuität in engster Verbindung mit der prinzipiellen „Frontalität“ aller Glieder. Das Wandkontinuum braucht nicht in glatten Flächen zu verlaufen, sondern kann Belebung erfahren durch Abtreppung der Arkaden, der Emporen oder durch Vorlagen. Immer aber wird bei der Durchbrechung der romanischen Hochschiffwand in einem entschiedenden Sinne die Gliederung der Wand als Wechsel zwischen geschlossenen und geöffneten Wandteilen sprechen, d.h. die Öffnungen erhalten ihren Gliederungswert durch den Kontrast zu den geschlossenen Teilen, selbst wenn diese nur noch aus Pfeilern als Repräsentanten des Wandkontinuums bestehen.
Die diaphane Struktur der gotischen Raumgrenze hat mit dieser Kontrastierung geschlossener und geöffneter Wandteile nichts zu tun, sondern grundsätzlich spricht das Verhältnis der körperplastisch geformten Wand zu den dahinterliegenden Raumteilen als Verhältnis zwischen Körper und Grund. Das heißt: Die Wand als Begrenzung des gesamten Langhausinnern ist nicht ohne den Raumgrund auffaßbar und erhält durch ihn ihren Wirkungswert. Der Raumgrund selbst zeigt sich als optische Zone, die der Wand gleichsam hinterlegt ist. Im Terminus „Hinterlegung“ spricht sich der Charakter der Bezogenheit vom Wandkörper zum Raumgrund aus. So will also der Begriff der diaphanen Struktur besagen, daß verschiedenartige Raumteile, die hinter dem Wandkörper (als Grenze de Hochschiffs) liegen, in ihrer Funktion als pure optische Erscheinung in die Stilbildung der Hochschiffwand eingreifen.

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