Da nirgends eine Ortsmitte zu finden war, da überhaupt keine Orte zu erkennen waren und kein einziger Hügel die Monotonie der flachen Landschaft brach, war es beinahe unmöglich, sich ohne GPS zu orientieren. Wer seine Uhr einmal vergessen hatte, verlor im immergleichen tropischen Licht schnell das Zeitgefühl. Man konnte nur versuchen, sich die Kreuzungen zu merken, an denen die immer gleichen  Supermärkte, der Großmarkt Sam´s Club, die Drogeriekette Walgreens und eine Shell-Tankstelle die vier Ecken besetzten. In Brandon, einer gigantischen Boomburg mit hunderttausend Seelen, die zu keiner Stadt gehörte, war das “Town Center“ die größte Shopping Mall des Bezirks. Der West Brandon Boulevard, die Hauptstraße der Siedlung, war ein Teil des Highway 60. Wer eine Weile von Kreuzung zu Kreuzung, von Ampel zu Ampel rollte, sah bald nur noch einen einzigen, verschwommenen Streifen von Geschäften, Leuchtreklamen und Fastfood-Restaurants: Einstein Bros Bagels Florida Car Wash State Farm Dairy Queen Express Lube Jesse´s Steaks McDonald´s Five Star Paint Ball Aquarium Center Sunshine State Federal Credit Union Mister Car Wash Weavers Tire&Automotive Wendy´s.

Aber die Region war nicht wie Miami oder Palm Beach, das Winter für Winter von koksenden New Yorkern heimgesucht wurde. Die Karawane, die über die Interstate 75 in den Süden zog, bestand aus einfachen Leuten aus dem Mittleren Westen, aus Ohio und Michigan, wo Sparsamkeit und Besonnenheit noch als Tugenden galten.
Hillsborough und die angrenzenden Bezirke wurden protestantisch und erzkonservativ, an den Highways warnten Schilder vor Abtreibung, zwischen Werbetafeln für neue Siedlungen und Fettabsaugung standen apokalyptische Prophezeiungen. Doch die alten Wertvorstellungen konnten dem blassgrellen Licht, das wie ein ewiger High Noon auf die Erde niederbrannte, kaum standhalten.


George Packer, Die Abwicklung, S.224, S.Fischer 2004

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MIt dem Frankfurter Kongreß von 1929 konzentrierte sich das Diskussionsthema auf das vom Kritiker Siegfried Gideon vorgelegte „Existenz-Minimum“ als dem Schlüssel zu einer neuen Art, die Probleme der architektonischen Planung in Begriffen der industrialisierten Produktion darzustellen.
Tatsächlich wendet sich der CIAM mit dem Thema der Wohnhaustypologie einem an politischen Verflechtungen reichen Themenkreis zu.
Das Problem der Industrialisierung steht in direktem Zusammenhang mit den Versuchen der städtischen Verwaltungspolitik und den in Deutschland und Holland in Erprobung befindlichen Hypothesen des öffentlichen Eingriffs. […]
Wie die Ausführungen zeigen, die den unter Vorsitz von Cornelius van Eesteren zum Thema der funtionellen Stadt einberufenen Kongreß von Brüssel charakterisiere, zielt man allgemein darauf ab, mehr noch als typologisch-formale Anregungen zu geben, ein urbanistisches Verwaltungsmodell zu erstellen.
In Brüssel stellt LeCorbusier die Entwürfe seiner "Ville Radieuse" vor, die die in den Kongreßen diskutierte Thematik zusammenfassen, doch besser noch charakterisiert ein Satz von Giedion die angestrebten Ziele: "Wie die einzelne Wohnzelle zur Organisation der Baumethoden führt, so führen die Baumethoden zu Organisation der ganzen Stadt."  Das "Modell" des CIAM spiegelt alle Grenzen der radikalen architektonischen Kultur wider; in der geforderten Kontinuität zwischen Serienproduktion und Städtebau kommt eine utopische Vorstellung zum Ausdruck: Das System Planung-Produktion, das im kleinen für das Wohnhaus gilt, wird mechanistisch auf die urbanistische Ebene ausgedehnt. Der politische Vorschlag des CIAM  reduziert die Rolle des Architekten auf die des Organisators eines Produktionszyklus, setzt jedoch voraus, daß die neu ausgearbeiteten Modelle schon an sich eine absolute Kontrolle über alle alle Funktionen sichern, die die urbane Entwicklung bestimmen.Verfolgt man die Diskussion des CIAM, so scheint fast, als ob man die Natur der Stadt mit jener des Baubestands identifiziere: Ist erst die Kontrolle über die Entstehungs und Produktionsarten dieses Baubestandes gesichert, besitzt man auch den Schlüssel, um dessen Entwicklung zu planen. Die Inkongruenz dieser Auffassung liegt in den bei der Bestimmung der Wohnbautypologie angewandten Maßstäben.
Das Existenzminimum, die preisgünstige Wohnzelle - nicht das Produkt eines komplexen Zusammenspiels sozialer Verhältnisse und wirtschaftlicher Faktoren, ein von allen die Stadt regelnden Funktionen und Mechanismen bestimmter "Wert", sondern ein reiner Rationalisierungsakt - , ist das urbanistische Prinzio des CIAM.

Manfredo Tafuri/Francesco Dal Co, Gegenwart, Weltgechichte der Architektur, DVA 1988
S.5

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